Zu schnell!

Manchmal spreche ich mit den Bäumen, Mutter
ab und zu mit den Steinen, Tochter
wie du, Sohn,ein Kind der Sterne bin ich
wenn ich meine Flügel ausbreite
fliege ich in eine andere Welt
fern von euch
um an nährenden Quellen mich zu laben
gestern flog ich zu schnell
die Füße kamen nicht hinterher
ich wollte fliehen vor mir selbst
Halte mich Vater, halte mich aus
damit ich heile und wieder Fuß fasse!

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LEBEN

Der Tod ist mein Bruder
das Sterben
die Brücke
die uns verbindet
an jedem Tag
in jeder Nacht
in allen Augenblicken

Mondschwestern

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Ein Kreis
ein magisches Feld
Herzenswärme, die sich vermittelt
die austeilt, sich verschenkt
ich gebe den Ton an
heule mit den Wölfen
beschreite den ersten Schritt.
Aus meiner Kehle
befreit sich
ein offenes Aaaaaaaaaaaaaaa….
Frei…
alles öffne ich
der Nacht
dem Tanz
dem vollen Mond
ich kreise mit den Sternen
mit dir, mein DU
mein Herz
mein Eins
Und ende
mit
OM

Den Flammen entronnen, wassersuchend

Was verbrennt dich Marie?
Eva sah es kommen. Sie träumte von einem Flammenmeer, durch das Marie wandert ohne sich zu verbrennen.

Marie berichtet.
Nicht mal mein roter Seidenschal, den ich mir kunstvoll um den Hals drapiert habe, fängt Feuer.
Es ist still in mir und ich weiß, mir wird nichts geschehen. Ein kühler Geist umspielt meinen Körper und hält das Feuer fern, als sei es nur das Licht hinter einer Wand aus dünnem Eis. Er wispert, singt und heult mit dem Knistern und Lodern der züngelnden Feuerzungen. Das Feuer hätte ein Scheiterhaufen sein können, wäre da nicht dieser unstete Windgeist mit den zahllosen Armen gewesen.
Ich war ganz bei mir und schickte alle heranströmenden Gedanken fort, den Augenblick fühlend mit allen Sinnen. Ich fragte nicht nach Gestern und Morgen. Jetzt! Ich bin, jubelte es in mir.
So erhielt ich in dieser Nacht die Feuertaufe.

Marie folgt dem Pfad zum Wasser und erwacht aus ihrer tiefen Meditation. Am See angekommen legt sie langsam Stück für Stück ihre Kleider ab. Sie singt und lächelt, als sie nackt und bar jeder Hülle, ins Wasser steigt und die Wellen mit den Händen berührt. Sie taucht tief bis zum Grund, spürt Fische und Wasserpflanzen ihre Haut berühren. Im Auftauchen erkennt sie sich selbst wieder. Ein Mensch – nackt und blos – allein -wie neu geboren. Das lange nasse Haar schmiegt sich an ihren Körper, der leise fröstelt. Im Osten geht die Sonne auf. Marie steigt nun ganz aus dem Wasser und dreht sich um.
In der Ferne glimmt noch das Feuer.

MohnBlumenWiese

Mein blutroter Mohn
Wie eine Laterne
Leuchtest du weit
Zur rechten Zeit

Zwischen Ähren – am Strassenrand – in Asphaltnischen

Auf zarten Stängeln
Im seidenglänzendem Rock
Filigrane Sommerschönheit
Mit Diva-Allüren

Dein grüner Hofstaat verneigt sich im Wind

Schon lange verweht
mein Schwalbensommer
In Scheune und Stall
Mit emsigen Geflatter

Wenn das Vieh schon auf der Weide fraß

Im Butterblumenmeer
zwischen Schachtelhalmkraut
Der süß-rosa Klee
Das vierblättrige Blatt

Das ich selten fand in jungen Jahren

Schenk ihm einen
Puppensommer
Dem alten Kind
Mein feuriger Mohn

©A.R.

Pfingstsonntag

Es weht Wind an diesem Tage
Licht und Wellen malen Muschelmuster
blaugrün
veränderlich, flirrend, beruhigend
Der Duft von blühenden Rosen
webt sich mit Grün vom Gras hinein
in den hellen Pfingstteppich
Stimmen
Lachen, Singen, Plärren, laut und leise
Plätschern, Schritte, ein Hund bellt
die Frau im schwarzweißem Badeanzug tönt
springt und spielt im Wasser wie ein Kind
Nur ein Grollen tief innen
will sich durchbeißen und den Tag lahm legen
doch ich lasse es nur für kurze Zeit zu
Ruhe
ein kurzer Schlaf im abgedunkelten Raum
ich schaue zum Fenster hinaus:
die Wolken haben sich verzogen
draußen üben Kohlmeisenbabys Fliegen
und ganz langsam
öffnet sich eine feuerrote Rose
innen
dort, wo das Grollen abgeebt ist
strömt es, wie in einem Fluss

Für Annette

Neulich erzählte mir eine Freundin etwas, das mich nicht nur berührt hat sondern auch weise ist. Ich verpacke es in den Dialog zwischen Marie und Eva.

E: „Warum falle ich eigentlich immer die Treppe hinunter, Marie. So als würde etwas Unsichtbares mich schubsen, oder mir Häkchen halten?“

M: „Etwas will dich vielleicht veranlassen, mal wieder in den Keller zu steigen, um dort nach dem Rechten zu schauen.“

E. „Ich mag aber den Keller nicht. Da ist es Dunkel. Spinnweben hängen an den Wänden. Vielleicht läuft mir eine Maus über den Fuß. Außerdem riecht es moderig dort.“

M: „Hast du vielleicht eine Leiche dort vergraben?“

E: „Was ich dort alles abgelegt habe, weiß ich nicht, aber eine Leiche ist nicht dabei.“

M: „Vielleicht könntest du freiwillig ein paar Stufen in den Keller hinab steigen, dann muss dich keiner mehr schubsen.“

E: „Aber es ist so dunkel.“

M: „Gibt es keinen Lichtschalter?“

E: „Nein! Oder vielleicht gibt es ihn ja und ich habe ihn noch nicht entdeckt.“

M: „Du könntest nachschauen oder gleich eine Taschenlampe mitnehmen.“

E: „Eigentlich hast du Recht. Wenn ich Licht mitnehme, sehe ich besser. Und mir fällt gerade ein, bestimmt sind da unten auch Dinge, die ich schon lange vermisst habe.“

M:“Siehst du. Manchmal findet man auch Wetrtvolles dort.“

Berührung

Berührung, ich sehne mich nach Berührung, nicht jene der Körper, die sich aneinander reiben, ich meine Berührung von Herz zu Herz und von Seele zu Seele. Das „Du“ zupft Klänge aus der schweigsamen Harfe, die ich ohne es bin. Vibration, Lieder, Klänge: meinen Grundton, immer wieder angestimmt in Harmonie mit anderen Tönen, suche ich. So will ich denn wieder hören lernen, um DEINEN Klang zu lauschen, um in Resonanz darauf selbst zu klingen. Und es soll mir gleich sein, ob jemand über mich sagt. „Sie hört mal wieder das Gras wachsen.“ Sollen sie reden, sie wissen es nicht besser, ich höre es wirklich wachsen.

Eva fragte noch, ob es der Nussbaum „Opa Graubart“ oder der Apfelbaum „Madame“ gewesen sei, den die heiligen Silben und das große OM so sehr anrührten, dass er zum ersten Mal Früchte trug?
„Weißt du Eva, es war seltsam damals auf der kleinen Terrasse unter dem
Blätterdach der Bäume in jenem heißen Sommer. Es gehört ja auch noch „Frau Holle“ der Holunderbusch zur Pflanzengemeinschaft. Die Vibration war in mir, unter meinen Füßen, und ich spürte sie in der Borke des Stammes. Herausgerissen aus allem, entstand ein heiliger Raum und dennoch, kaum fassbar in diesem Moment, ging rundherum – jenseits der durchsichtigen Mauern, die als Schutzraum gewachsen waren – alles seinen alltäglichen Gang: eine Nachbarin schimpfte mit ihren Kindern; irgendwo dudelte Musik; die Vögel zwitscherten und nebenan hängte jemand die Wäsche auf.
Es war übrigens der Apfelbaum, der danach zum ersten mal Früchte trug. Ich hatte ihn einst mit dem Namen „Madame“ gesegnet. Aber ja, wenn ich alles so recht bedenke, auch der alte Haselnussbaum, das Findelkind, jenes dass ein Fremder lieblos einfach aus der Erde gerissen hatte, um es am Rande der Stadt abzuschütten, wie eine lästige Altlast, die man nicht mehr gebrauchen kann, trug in diesem Jahr eine reiche Ernte. Er wäre vor Jahren gestorben, hätte ich ihn nicht gerettet. Ob der Fremde wohl gewusst hat, was für wunderbare und vollkommene Nüsse dieser Baum zu verschenken hat?“

Vom Tod

Und wenn wir selbst der Tod sind, eine Frau in Flammen gehüllt, wir tragen keine Sense, sondern die zierliche Schere der Näherin, die trennt und zusammenfügt.
Wir fürchten uns nicht vor uns selbst.
Kraft ist in uns und Macht. Nicht immer trifft unser Tun auf Sympathie, aber darüber sind wir hinaus gewachsen. Dinge erfordern mitunter sofortiges Handeln, vertragen kein zimperliches Zögern, denn es geht schließlich um Leben und Tod dabei erübrigt sich die Frage, ob wir dafür geliebt oder gehasst werden.
Wie gut zu wissen, dass wir nicht mehr um jeden Preis geliebt werden müssen. Wir lieben uns ja selbst, so wie wir sind, ganz Frau, Weib, Alte – Totengräberin und Hebamme.
Aus der Fülle schöpfen wir. In unseren Händen liegen die Fäden. Wir trennen und fügen neu zusammen.
Die einen ersehnen, die anderen fürchten uns.
Was würde Frau Loba, die Wolfsfrau dazu sagen?