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Das Vaterland allein ist was für erwachsene Realisten, die das Mutterland aus ihren Gedanken und Träumen verbannt haben und sich nicht mehr daran erinnern, wie der erste Biss vom frühen Apfel am Ende des Sommers mundet.
Das Vaterland ist nichts für Fantasten, nichts für bizarre Netzstricker, auch nichts für verträumte Wolkenliebhaber. Im Vaterland sind die Wege gerade. Alle Straßen sind überschaubar und führen strahlenförmig zum Vaterpalast.
Nicht, dass du denkst, in die Residenz komme man so einfach hinein, das ist nicht wie bei Muttern, wo die Türen nicht verschlossen sind, auf dem Holztisch frisches Brot steht und auf dem Herd eine nährende Suppe köchelt.
Um in den Vaterpalast zu gelangen, muss man zuerst eine Treppe hinauf steigen. Nach hundert Stufen darf man den ersten Passagierschein lösen. Den bekommt man aber nur, wenn man einen gültigen Pass besitzt und die richtigen Klamotten trägt. Erst wenn man zehn Passagierscheine besitzt, und zehn mal hundert Stufen empor gestiegen ist, dann wird man durch die gläserne Tür hinein gebeten. Jetzt beginnt die Reise durch das Labyrinth.
Nicht alle schaffen es bis zum Vaterkönig. Manch einer ist dabei schon auf der Strecke geblieben.
Besonders die fantasievollen Träumer, die Planquadrate lieber meiden, weil ihnen dort viel zu schnell langweilig wird, sollten den Vaterpalast meiden, denn sie würden sich in den Farben, Ornamenten, den Bildern und an die Wände gemalten Zeichen verlieren – ich vermute ja, das ist bewusst so gemacht, um die Leute in die Irre zu leiten – und das wäre doch schade, denn wir brauchen sie so sehr in dieser Zeit, die sich von den Müttern so weit entfernt hat.
Aber ohne Vaterstadt geht’s natürlich auch nicht. Das wäre ja so, als würde man den ganzen Tag nur auf einem Bein stehen müssen.
Also, ich habe eine Idee: wenn du zu dieser besonderen Spezies Mensch gehörst, die lieber fantastische Dinge träumt, anstatt sich über geometrische Formeln zu beugen, dann nimm dir einen mütterlichen Fährtenleser mit, am besten einen blinden. Er wird verstehen, dass er nur diesem besonderen Geruch folgen muss, und weil er nichts sieht, wird ihn auch nichts ablenken. Du musst ihm nur noch folgen.
Und wenn du dann am Ziel bist, und vor dem Thron des Vaterkönigs stehst, dann wirst du vor Staunen erst einmal keine Worte finden, denn der Vater sieht nicht mächtig aus. Du hast ihn dir nach allen Reisestrapazen ganz anders vorgestellt. Er ist klein und zierlich. Das Alter forderte seinen Tribut. Er wird dich erkennen und zu sich winken. Er wird lächeln und dich bitten, neben ihm Platz zu nehmen. Sanft wird er die Hand auf deine Schulter legen und dich leise bitten, ihm vom Mutterland zu erzählen, aus dem du aufgebrochen bist, um in der Vaterstadt Fuß zu fassen.

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