WAS SUCHT RAUM?

Abschotten, sich verkriechen, in einem Mauseloch verschwinden, sich in Luft auflösen?
Sich wehren mit Händen und Füßen.
Einen Schlussstrich ziehen.
———————————–

Ich will nicht mehr.
Aber was will ich dann?
Ich trete zurück und in den Hintergrund. Mein Gesicht verbirgt sich hinter verwischten Farben.
Deutliche Spuren darin von Händen und Füßen, an einem Tag, dessen Datum die Quersumme 9 ergibt und das Tarot die „Sechs der Münzen“ zeigt.
————————————————————————-
Marie hat sich selbst erschaffen. Als schöpfende Malerin zeichnete sie sich auf weißes, feingefasertes Papier. Strich für Strich; Konturen, ein Profil. Hineingelegt die Tiefe einer Persönlichkeit mit vielen Facetten. Bunt wie ein Regenbogen.
„Alles Schnee von gestern. Ich will mich neu erschaffen.“
Das Lächeln wird zum Grinsen; verzieht das Gesicht zur Fratze, die zur Maske erstarrt.
Eilfertige Finge greifen nach dem dicken Borstenpinsel, tauchen ihn in dicke Farbe und übermalen mit kraftvollen Bewegungen das erschaffene Gemälde.
Marie sieht gelb!
Aus dem Gelb schält sich Grün, wird zum Baum, der in einem Wald steht, der sich zu den Dünen hin duckt, um den Ausblick frei zu geben auf das Meer.
Unter dem dunklen schweren Himmel, der seinen Schatten aus Stahlgrau und Anthrazit über das Wasser wirft, ist die Linie zwischen Horizont und Himmel aufgelöst.
Ein Blick genügt und Marie zieht sich zurück in den Wald, der sich streckt und zum Baum, der grün ist und mit dem alles begann.
Unter seinen ausladenden Zweigen sitzt ein altes Weib. Das schlohweiße Haar ist verfilzt und steht in alle Richtungen ab. In seiner Strähnigkeit erinnern es an Schlangen, die sich um ein verrunzeltes, lehmbraunes Gesicht mit entgleisten Zügen ringeln. Der Mund ist weit geöffnet. Im erstarrten Gesicht ahnt man noch den stummen Entsetzensschrei, der sich aus rauer Kehle befreien wollte, vielleicht sogar hat, bevor er endgültig und für alle Zeiten vom Meer in die Tiefe hinab gezogen wurde.
Marie ist seltsam berührt. Sie schwankt zwischen Schreck und Mitleid. Gern hätte sie sich unter dem Baum im Moos nieder gelassen, an den Stamm gelehnt und die Borke mit den Fingern liebkost.
Aber neben der Frau mit den verlöschten Augen möchte sie nicht sitzen.
Eine Weile bleibt sie stehen, Auge in Auge mit der Statue.
Vorsichtig nähert sie sich, forscht, wie weit sie heran gehen kann, ohne von der weiblichen Gestalt aufgesogen und verschlungen zu werden.
„Das bist du.“ säuselt der Wind in den Blättern, während auf der anderen Seite der Dünen über dem Wasser das Unwetter tobt und die Wellen hoch peitscht.

Nach einer langen Weile dreht Marie sich um. Für heute hat sie genug gesehen.
Sie kehrt zurück zum Gelb des Gemäldes, nimmt feine Pinsel und klare Farben und beginnt, sich neu zu malen.

Werbeanzeigen