Zeitschichten
Hast du vergessen, wie das damals war? Weißt du, als die Zeit noch in der Spur war und dahin floss, unaufhaltsam, nicht einzufangen manchmal, behäbig und gelassen an anderen Tagen. Ja ich weiß, im Frühling und im Spätherbst hatte sie wiederkehrende Launen. Da zog man sich am besten in sich selbst zurück. Es waren Stunden und Minuten des Aufbegehrens; im Flug überbrückte Jahre; ein Erinnern bis an die Wurzeln und darüber hinaus
“Warum nur,” fragte sich die Zeit, “soll ich immer in die gleiche Richtung laufen.
Und sie machte mich jung.
Plötzlich sitze ich zwischen Narzissen und Krokussen im Blumengarten meiner Oma. Mein Haar ist lockig und honigfarben. Ganz in der Nähe bei den Märzbechern liegt noch etwas Schnee.
Der Boden unter mir ist kalt. Aber das spüre ich nicht, denn ein dickes Windelpaket schützt mich gut.
“Ana – Ana, wo bist du?” höre ich meine Mutter besorgt vom Hof her rufen. Sie biegt um die Ecke, nimmt meine Hand und zieht mich gegen meinen Willen ins Haus – Szenenwechsel!
Eine alte Frau sitzt auf der Kante eines Krankenbettes. Ihr Haar ist dünn und weiß. Gestern war sie noch sehr krank. Sie lag unter den weißen Laken und sah sehr blass aus. Sie weiß, ihre Tage sind gezählt. Trotzdem ist sie zufrieden, denn sie ist älter geworden, als sie vor dreißig Jahren gedacht hat.
Damals als alles so hektisch war, und sie unter einem engmaschigen Zeitplan fast erstickte und die Zeit aus dem Takt zu geraten drohte. Der Körper hatte ernste Zeichen geschickt und Alarm geschlagen. Alles war in Aufruhr.
Es klopft an die Tür: “Ur-Omi, Omi, ich hab dir was mit gebracht.”
Da stolziert der Sonnenschein mit einem Strauß aus Narzissen und Tulpen in den Raum. Wie der Frühling duftet!
Die alte Frau lächelt. Das kleine Mädchen, kaum drei Jahre alt, trägt honigblonde Locken und schaut sie aus großen braunen Augen an.
Sie kennt diese Augen. Es sind ihre eigenen.
