Zwischen Tag und Nacht 5

Zwischen Tag und Nacht haben sich die Gedanken verirrt.

Ihr Klang hatte sich schon gestern in den lauten Geräuschen der Stadt verloren. Und die Worte, die aus ihnen geboren waren, hat der Wind verweht.
Der Gedanke los gelöst von den Wortkindern und dem Klang, steckte fest. Es war dunkel, nass und kalt und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich in die Hagebuttenhecke neben meinem Haus zu flüchten und die Nacht ab zu warten. Ich habe sie gesehen! Zusammen gerollt, wie ein Knäuel brauner Wolle, verschränkten sie sich in einander und trösteten sich gegenseitig.

“Unsere Kinder sind schlau, sie werden zuerst den Klang finden und dann uns.” warf einer von ihnen in die Runde, und ein anderer gab zu Bedenken:
“Ihr wisst doch, die Worte finden uns immer wieder.”
und ein dritter meinte.
“Und wenn sie uns nicht finden, dann erfinden wir bessere und ausdrucksstärkere Worte mit einem ganz neuen Klang.”
Verhakt an den Dornen der Hecke, konnten sie sich selbst nicht verloren gehen.
“Wie praktisch das ist.” staunten sie gemeinsam
Und schon nach kurzer Zeit waren die Gedanken zur Ruhe gekommen und hatten sich in ihre Träume geflüchtet.

In der Zwischenzeit wehte der Wind die Wörter in den höchsten Baum der Stadt: der Weihnachtsbaum aus dem Norden, der mitten auf dem weihnachtlich geschmückten Platz vor der alten Kathedrale stand.

Wie Lametta und bunte Sterne schmücken sie die dunkelgrünen Nadeln, immer bereit beim nächsten vertrauten Klang herab zu regnen. Ihre Aussicht ist gut:
die Menschen eilen hektisch durch die engen Gassen zwischen den Bretterbuden. Ganze Gruppen mit roten Weihnachtsmannmützen auf dem Kopf und dem Glühweinglas in der Hand schlendern vergnügt an den Auslagen vorbei. Auf der Bühne mittendrin singt ein jugendlicher Gospelchor
“oh freedom..” und “we shall overcome”. Das klingt nicht schlecht, aber der verlorene Klang ist es nicht, denken sich die Worte und schauen weiter dem fröhlichen Treiben zu.
“Sicher werden wir unseren Klang erkennen, wenn die Bretterbuden schließen und die Menschen nach Hause gehen.” flüsterte ein Wort seinen Geschwistern zu.

~ von findevogel am 13. Dezember 2011.

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