Zwischen Tag und Nacht 3
Wenn ich Baum bin im Winterwald, spüre ich mit Wuzeln die Worte unter der Erde: die vergraben sind, vergessen, gemieden.
Sie sind nicht still und kitzeln meine wachsenden Enden. Morsezeichen tackern sie in mein Holz. Bis ich verstehe, ihre Zeichen aufnehme, sie trinke. Langsam fließen sie durch den Stamm in die Zweige.
Und da kommst du, Liebste, lehnst dich an meinen Stamm.
Mit den Fingerkuppen zeichnest du Borke nach.
Du staunst, denn sie ist warm mitten im Frost. Während du verharrst und die Hände mich ermessen, spürst du das Pochen der Worte unter der Rinde. Was erzählen die Fingerkuppen? Welche Bilder und Gesänge schicken meine biegsamen Zweige? Das Harz an den Händen duftet stark und gut. Es klebt.
Du bist still und ruhig.
Die Zeit hat dir Schweigen geboten. Ein verirrter Sonnenstrahl vergoldet die letzten Blätter und streichelt dein rehbraunes Haar.
Ich, dein Baum, du liebst mich, ich fühle.
Nicht mit Worten spreche ich zu dir.
