Begegnung mit…

•16. Dezember 2011 • 2 Kommentare

Im Traum spazierte ich durch einen langen Flur. Auf beiden Seiten Türen, dazwischen Gemälde, beleuchtet und angestrahlt. Alle Türen waren geschlossen, nur die eine nicht, am ende des Korridors. so schaute ich hinein. In einem abgenutzten Sessel saß eine kleine alte Frau. Sie strickte an einem bunten Strumpf.
Sie blickte auf, als ich hineinschaute und lächelte mich an:
„Komm herein!“ sagte sie mit einer tiefen angenehmen Stimme.
„ich bin frau Holle und du kommst gerade recht.“
Ich trat ein und näherte mich dem Sessel. Die alte Frau roch nach Äpfeln und frischem Brot. sofort erinnerte ich mich an die große Küche meiner Kindertage und fühlte mich geborgen.
„Willkommen in meinem Reich. Ich habe schon auf dich gewartet.“
sprach sie
„Aber wieso?“ fragte ich „ich besitze keine blutige Spindel und alle Brunnen sind ausgetrocknet.“
„Trotzdem, ich habe gerade auf dich gewartet, denn der Strumpf ist fertig.“
flüsterte sie sanft.
„Muss ich nicht den Apfelbaum schütteln auf der Wiese? Wartet kein Brot, um aus dem Backofen gezogen zu werden?“
„Nichts ist mehr so, wie es einst war“, sprach Frau Holle ernst, „doch die Märchen bleiben, und ihre Botschaft auch. Ich habe die alten Märchenworte in dem Strumpf verstrickt.“
„Warum?“ fragte ich erstaunt.
„Du wirst den Strumpf mitnehmen in deine Welt. Du sollst ihn den Menschen zeigen, und mit ihnen aus den eingestickten Mustern neue Märchen erfinden.“

Plötzlich erwachte ich aus meinem Traum. Ich lag in meinem Bett. Durch das Fenster lichtete es schon, und so sah ich den bunten Strumpf, der neben mir auf der weißen Bettdecke lag.

Zeitschichten

•14. Dezember 2011 • Hinterlasse einen Kommentar

Hast du vergessen, wie das damals war? Weißt du, als die Zeit noch in der Spur war und dahin floss, unaufhaltsam, nicht einzufangen manchmal, behäbig und gelassen an anderen Tagen. Ja ich weiß, im Frühling und im Spätherbst hatte sie wiederkehrende Launen. Da zog man sich am besten in sich selbst zurück. Es waren Stunden und Minuten des Aufbegehrens; im Flug überbrückte Jahre; ein Erinnern bis an die Wurzeln und darüber hinaus
„Warum nur,“ fragte sich die Zeit, „soll ich immer in die gleiche Richtung laufen.
Und sie machte mich jung.
Plötzlich sitze ich zwischen Narzissen und Krokussen im Blumengarten meiner Oma. Mein Haar ist lockig und honigfarben. Ganz in der Nähe bei den Märzbechern liegt noch etwas Schnee.
Der Boden unter mir ist kalt. Aber das spüre ich nicht, denn ein dickes Windelpaket schützt mich gut.
„Ana – Ana, wo bist du?“ höre ich meine Mutter besorgt vom Hof her rufen. Sie biegt um die Ecke, nimmt meine Hand und zieht mich gegen meinen Willen ins Haus – Szenenwechsel!
Eine alte Frau sitzt auf der Kante eines Krankenbettes. Ihr Haar ist dünn und weiß. Gestern war sie noch sehr krank. Sie lag unter den weißen Laken und sah sehr blass aus. Sie weiß, ihre Tage sind gezählt. Trotzdem ist sie zufrieden, denn sie ist älter geworden, als sie vor dreißig Jahren gedacht hat.
Damals als alles so hektisch war, und sie unter einem engmaschigen Zeitplan fast erstickte und die Zeit aus dem Takt zu geraten drohte. Der Körper hatte ernste Zeichen geschickt und Alarm geschlagen. Alles war in Aufruhr.
Es klopft an die Tür: „Ur-Omi, Omi, ich hab dir was mit gebracht.“
Da stolziert der Sonnenschein mit einem Strauß aus Narzissen und Tulpen in den Raum. Wie der Frühling duftet!
Die alte Frau lächelt. Das kleine Mädchen, kaum drei Jahre alt, trägt honigblonde Locken und schaut sie aus großen braunen Augen an.
Sie kennt diese Augen. Es sind ihre eigenen.

Zwischen Tag und Nacht 5

•13. Dezember 2011 • Hinterlasse einen Kommentar

Zwischen Tag und Nacht haben sich die Gedanken verirrt.

Ihr Klang hatte sich schon gestern in den lauten Geräuschen der Stadt verloren. Und die Worte, die aus ihnen geboren waren, hat der Wind verweht.
Der Gedanke los gelöst von den Wortkindern und dem Klang, steckte fest. Es war dunkel, nass und kalt und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich in die Hagebuttenhecke neben meinem Haus zu flüchten und die Nacht ab zu warten. Ich habe sie gesehen! Zusammen gerollt, wie ein Knäuel brauner Wolle, verschränkten sie sich in einander und trösteten sich gegenseitig.

„Unsere Kinder sind schlau, sie werden zuerst den Klang finden und dann uns.“ warf einer von ihnen in die Runde, und ein anderer gab zu Bedenken:
„Ihr wisst doch, die Worte finden uns immer wieder.“
und ein dritter meinte.
„Und wenn sie uns nicht finden, dann erfinden wir bessere und ausdrucksstärkere Worte mit einem ganz neuen Klang.“
Verhakt an den Dornen der Hecke, konnten sie sich selbst nicht verloren gehen.
„Wie praktisch das ist.“ staunten sie gemeinsam
Und schon nach kurzer Zeit waren die Gedanken zur Ruhe gekommen und hatten sich in ihre Träume geflüchtet.

In der Zwischenzeit wehte der Wind die Wörter in den höchsten Baum der Stadt: der Weihnachtsbaum aus dem Norden, der mitten auf dem weihnachtlich geschmückten Platz vor der alten Kathedrale stand.

Wie Lametta und bunte Sterne schmücken sie die dunkelgrünen Nadeln, immer bereit beim nächsten vertrauten Klang herab zu regnen. Ihre Aussicht ist gut:
die Menschen eilen hektisch durch die engen Gassen zwischen den Bretterbuden. Ganze Gruppen mit roten Weihnachtsmannmützen auf dem Kopf und dem Glühweinglas in der Hand schlendern vergnügt an den Auslagen vorbei. Auf der Bühne mittendrin singt ein jugendlicher Gospelchor
„oh freedom..“ und „we shall overcome“. Das klingt nicht schlecht, aber der verlorene Klang ist es nicht, denken sich die Worte und schauen weiter dem fröhlichen Treiben zu.
„Sicher werden wir unseren Klang erkennen, wenn die Bretterbuden schließen und die Menschen nach Hause gehen.“ flüsterte ein Wort seinen Geschwistern zu.

Zwischen Tag und Nacht 3

•11. Dezember 2011 • Hinterlasse einen Kommentar

Wenn ich Baum bin im Winterwald, spüre ich mit Wuzeln die Worte unter der Erde: die vergraben sind, vergessen, gemieden.
Sie sind nicht still und kitzeln meine wachsenden Enden. Morsezeichen tackern sie in mein Holz. Bis ich verstehe, ihre Zeichen aufnehme, sie trinke. Langsam fließen sie durch den Stamm in die Zweige.
Und da kommst du, Liebste, lehnst dich an meinen Stamm.
Mit den Fingerkuppen zeichnest du Borke nach.
Du staunst, denn sie ist warm mitten im Frost. Während du verharrst und die Hände mich ermessen, spürst du das Pochen der Worte unter der Rinde. Was erzählen die Fingerkuppen? Welche Bilder und Gesänge schicken meine biegsamen Zweige? Das Harz an den Händen duftet stark und gut. Es klebt.
Du bist still und ruhig.
Die Zeit hat dir Schweigen geboten. Ein verirrter Sonnenstrahl vergoldet die letzten Blätter und streichelt dein rehbraunes Haar.
Ich, dein Baum, du liebst mich, ich fühle.
Nicht mit Worten spreche ich zu dir.

Zwischen Tag und Nacht 2

•11. Dezember 2011 • Hinterlasse einen Kommentar

In der Nacht hat der Spalt sich über den Worten geschlossen, sie unter frisch aufgeworfener Erde begraben.
Wer sein Ohr der Erde nähert hört sie wispern. Die Wolken lösen sich auf und verregnen den neuen Tag. Im Regen verschwimmen die Worte, die neu geboren nach außen schlüpfen. Kleine Rinnsale und Kanäle schlängeln sich durch die braunen Felder, Gedanken tauchen auf und ab. Wie gut die Erde riecht.
Lass es schweigen, gebietet die innere Stimme. Diese Zeit lebt ohne Worte und lässt der Sprache Zeit. Sei still und spüre den Dingen auf den Grund, fühle ihr Sein.
Bis der Regen zu Schnee wird, lass uns die Worte meiden, Liebste. Manchmal führen sie nur weg von uns selbst.
Im Ein-und Ausatmen der Welt liegt schweigsame Größe – nicht zu erfassen – und du bist Teil von ihr.

Zwischen Tag und Nacht 1

•10. Dezember 2011 • 1 Kommentar

Nicht die Nacht hatte dem Tag meine Worte gestohlen. Kein Wind entführte die Lieder in ein anderes Land.
In der blauen Stunde zwischen Tag und Nacht öffnete sich ein Spalt, wie ein Trichter. Sie schlitterten hinein, die Töne und Klänge, als sei eine Rutschpartie angesagt.
Es ging schnell. Kaum schmeckte ich den Beerengeschmack der Worte im Mund, schon sprudelten sie perlend über die Lippen in den dunklen Trichter hinein.
Lautlosigkeit und das Verstummen der Zeit ließen mich erstarren.
In dieser Bewegungslosigkeit war mir, als sei ich ein Baum im Winterwald. Der Gedanke daran, wo die Sprache geblieben war, verflüchtigte sich über Wurzeln und Zweige und mischte sich mit dem Atem der Zeit.
Da blieb Fühlen nur und Spüren – einzig.

Ein stiller Moment

•8. Dezember 2011 • Hinterlasse einen Kommentar

Über dem See liegt Nebel. Dichte Schleier geben ab und zu einen Blick auf das andere Ufer frei. Lichtfunken zaubert der junge Morgen zwischen die dichten Schlieren. Was der Tag wohl bringt? Zwischen Nebeln und Wolken liegt ein Versprechen: du Tag wirst mich nicht verletzen. Einen heilsamen Zauber wirst du wirken. In den Tautropfen, die wie Perlen am Schilf kleben, fängt sich Feuer. Schemenhaft in der ferne Baum und Haus. Kein Hauch kräuselt das Wasser. Ich spüre Stille in mir. Gedämpft dringen Rufe an mein Ohr, doch nur ich suche mich heute.

Weißer Zauber

•5. Dezember 2011 • Hinterlasse einen Kommentar

Brigitte wundert sich über diesen sonderbaren Tag. Liegt es wohl am Schnee – der sich mit den weißen verdichteten Wolken und jenem frischen Eisgeruch angekündigt hat, aber noch immer nicht gefallen ist – der über ihre Gedanken einen Eiszauber legt?
Fast glaubt sie schon, es sei logische Konsequenz irdischer Entwicklungen, dass die Jahreszeiten nicht halten, was sie gegen alle Erwartungen immer noch versprechen. Im nicht vorhandenen Schneegestöber vergangener Kindertage lässt sich nicht rodeln. Im letzten Jahr modelte sie mit Jens und Kai einen winzig kleinen Schneemann. Hätten die Jungs nicht darauf bestanden, ihn im Tiefkühlschrank einzufrieren, er hätte seine erste Lebensstunde nicht überlebt.
Brigitte fragt sich oft, wie sie ihren Enkeln erklären soll, was Eisblumen sind, und wie es sich anfühlt, wenn man in winterkalten Räumen mit der Wärmflasche unter den dicken Federbetten versinkt und von der Schneekönigin träumt. Und wie schwer es ist, am Morgen aus dem Bett zu springen, wenn das Wasser in der Waschschüssel auf der Kommode gefroren ist. Und wenn man es dann tut, wie es prickelt, eine Gänsehaut verursacht und wach macht. Wie ungemein lebendig man sich selbst und seinen Körper wahrnimmt in dieser Kälte.

Grau und kalt die Landschaft heute büßt dennoch – wintergemäß – ihre Farben ein. Das unschuldige Weiß aber versagt sich der Stadt. Brigitte sehnt sich nach dieser weißen Watteverpackung, die alle kreischenden Geräusche verschluckt und die Welt klein macht – die alles eindeckt und Ecken und Kanten begradigt, alles rundet, und wenn viel Schnee fällt wird sie wie immer neu fasziniert am Fenster stehen, um die allmählichen Verwandlung der Landschaft zu betrachten.
Am nächsten Morgen, bevor der städtische Verkehr boomt – wird alles glatt sein und auf der eisglänzenden Decke wird man nur die fein ziselierten Spuren der Vögel sehen.

Brigitte denkt bei sich:

„Kein Wunder, dass der Schnee ausbleibt. Die Kinder kennen keine Märchen mehr und die Erwachsenen langweilen sich bei der Vorstellung, wie die Schneekönigin im weißen Pelzmantel eine Kutsche mit sieben Schimmeln auf den Flügeln des Nordwindes in die Nacht hinein lenkt und dabei unzählige kristallklare Glöckchen läuten.
Auch Frau Holle ist arbeitslos geworden, denn keine Marie lässt mehr die Spindel in den Brunnen fallen.
Was man sich aber nicht mehr vorstellen kann, entschwindet aus den Gedanken und nichts verbindet Ereignisse mit Gefühlen, wenn niemand mehr die alten Geschichten erzählt.“

Stille Zeit

•3. Dezember 2011 • Hinterlasse einen Kommentar

Es war wie so oft am Fenster – hinter Glas – zwischen den Zeiten, die aus einander rückten und Platz machten für Überlegungen und Gedanken außerhalb der Zeit. Frag mich nicht, wie es geschehen kann, zwischen die Zeiten zu fallen. Es öffnen sich Fenster und Türen in den unerforschten Raum. Du schaust hinaus, versucht zu erfassen – anderes zu erleben, während auf deiner Seite des Fensters die Zeit stehen bleibt und jede Bewegung erlischt. Prozesse sind gestoppt und Ereignisse lassen sich Zeit.
Die Welt hält den Atem an und warte auf das Echo kleiner Schritte in unbekannten Räumen, denn jeder Schritt schafft eine neue Idee.
Wenn du mich begleiten willst, musst du still werden so lange, bis du das Fließen des Blutes in deinen Adern spürst und dir – ganz gleich wo du bist – von den Zehen bis zu den Haarspitzen angenehm warm ist. Du spürst den Strom in dir und seine Energie, die dich wärmt – du fühlst, wie es kreist. das Universum hüllt dich in einen Mantel aus Kraft. In ihm setzt sich das innere Kreisen fort: in sich weitenden Ringen, die ins Unendliche wachsen, Reiz und Impuls gebend.
Dir wird deutlich bewusst, dass du ein kleines Kraftwerk bist und deine Essenz Spuren hinterlässt.
Wenn ich das Fenster schließe, wieder in meiner Zeit lande, staune ich darüber, dass all das geschehen ist, während um mich herum alles gleich geblieben ist. Keine Zeit vergangen. Nur ich selbst bin verändert und vollkommen wach.

wandlung

•30. November 2011 • Hinterlasse einen Kommentar

welche gespenster, geister und luftschlösser; welche abgründe, schatten und unholde durch marie´s scheinbar traumlosen schlaf spazierten und sich angeschickt hatten ein bühnenstück zu inszenieren, ich weiß es nicht, aber ihre lieder flatterten, und einmal – ich hielt gerade die trockene zarte hand – einmal huschte ein lächeln über ihr gesicht.

es war so berührend, dass ich beschloss, nun jeden tag eine weile an maries bett zu sitzen und ihr geschichten zu erzählen. vielleicht die geschichten von frau mai, die bisher weder einen platz besaßen, noch einer konkreten motivation gefolgt waren. wer konnte schon sagen, was geeignet war, den geist eines menschen, der im koma lag, zu veranlassen, sich wieder mit seinem körper zu verbinden?

mir, claire, wurde in diesem augenblick bewusst, dass dieses geschichtenerzählen, wenn nicht für marie, so doch für mich selbst etwas heilendes besaß:
ich kann etwas tun, die zeit nutzen und versuchen mit meinen mitteln, marie zu erreichen. es wird meiner ohnmacht die hilflosigkeit nehmen und das brüchig gewordene band zwischen zwei freundinnen, die keine gemeinsame sprache mehr besitzen, erneuern.
(angie 2008)

 
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