Zwischenraum

•20. November 2009 • 1 Kommentar

Es ist immer ein Dazwischen – ein tastendes Spüren in die Welt hinein, der behutsame Griff unter alle Schichten und durch verhüllende Schleier. Ein behutsames Fühlen und Finden von Wegen und Pfaden, der Griff nach dem goldenen Schlüssel – versteckt in einer Bodenritze. Ein schwerer alter Schlüssel, der Türen und unbekannte Räume öffnet. Diese schmalen Durchgänge, Kanäle und Tunnel, das erstaunlich schmiegsame Hindurchschlängeln, als sei man Gas, nicht feste Substanz und am Ende schließlich – dieses sich weitende Licht.

Zwischenraum auch draußen: der Herbst hat seine Farben gewechselt. Zwischen dem lichten Grau des Himmels und dem fahlen Grün der Felder sind die herbstlich bunten Blätter aus sich selbst heraus Licht. Sanft strahlen mir Messing, Rostbraun, Schwefelgelb und Weinrot entgegen. Verblassende Sterne am Wegrand und auf Asphalt. Ich nehme diese Farben als Geschenk. Sie sind Balsam für empfindliche Augen, und zwischen dem glitschigen Laub und den moderigen Novembergerüchen möchte ich immer weiter gehen – bis ans Ende der Welt – dorthin, wo alles sich findet – der Anfang und das Ende zum keltischen Knoten verschlungen.
Die roten Lichter auf den Friedhöfen leuchten in Zwischenwelten – schenken in diesen herbstverwandelten Tagen einen inneren Blick über den irdischen Tellerrand hinaus.

Es geschah zwischen den Zeiten

•20. November 2009 • 3 Kommentare

Für einen Moment öffnete der Himmel seine Schleier – ein wie von Geisterhand entzündetes Leuchten ging durch die Welt und flammte schräg von unten Licht in jedes Blatt der halbentkleideten Bäume. Sie gaben viel von sich preis – von ihrer Struktur, der Architektur und den Wachstumsringen. Zart zitterten Blattfunken im auffrischenden Wind. Manche nahm er mit und trug sie zu mir, die am Fenster stand und die Zeit vergessen hatte. Auf der Fensterbank strahlten nun Sterne mitten in der großen Stadt.
In diesem Moment sah ich zwischen dem zeitverschobenen Heben und Senken der Augenlider deine Maske fallen – in der ungeschminkten Nacktheit lag die Zerbrechlichkeit von Glas – etwas wie Erbarmen wuchs unter meiner fröstelnden Haut. So nahm ich den Nebel aus den Wäldern und legte ihn um deine schutzsuchenden Schultern. Dein Kinn lag auf der Brust. Da nahm ich meinen Mut zusammen – denn du warst mir fremd – und ich hob sanft und mit der Zärtlichkeit von Müttern dein Kinn, wollte in deine Augen schauen und das Spiegeln des Lichtes darin entdecken. Du schautest ernst. Ich wich nicht aus. So standen wir nah beieinander, und nach einer Ewigkeit – so kam es mir vor – lächelten meine Lippen dir zu. Zwischen den Augenpaaren vermischten sich die Feuer. Es wurde warm, als wir die Scheu verloren.

Es wintert

•19. November 2009 • 2 Kommentare

lichtfinger oben
spuren den blauen himmel
schnell wirds hell heute

der wind flüstert schon vom frost
und feuerglut am abend

November-Magie

•18. November 2009 • 2 Kommentare

es ist ein stiller tag am see. der wind hat sich schon früh in den fast entlaubten bäumen schlafen gelegt. dabei ist das abendrot noch nicht in den see getropft. ich sitze auf einem stein am ufer und kämme meine langen haare. knoten sind darin, die sich nur mühsam glätten lassen. jedes mal, wenn mein goldener kamm vom scheitel hinunter zur taille gleitet, tanzen lichtfunken auf den winzigen kräuselwellen. mein schatten spiegelt sich im wasser. das gleichförmige tun beruhigt körper, geist uns seele. mein blick folgt dem schatten und kostet wasser. kleine fische nagen an den konturen. ein großer goldfisch zieht den schatten hinab zum grund. nun gestalten algen, kleine muscheln und steine mein ebenbild. so geschmückt taucht der schatten langsam wie neu geboren wieder auf. ich erkenne ihn nicht und erschrecke. in diesem augenblick taucht das abendrot in den see. es wird schnell dunkel. der schatten, ich und alles um mich herum wird eins.

Novemberblues?

•15. November 2009 • 2 Kommentare

für alle, denen sich der november aufs gemüt legt

fahlgelbe birkenfakeln gleichen klageweibern
die sich die haare raufen
und vom alltag krumm geworden
ihre tänzerinfigur verloren
lebenslasten scheinen sie zu tragen
auf weißen zarten schultern
dunkle tage würgen das gemüt
in der nacht raubt ein gnom atem
es fehlt das licht
wenn schatten größer werden
und alle farben löschen

entzünden wir ein feuer am fluss
komm, wärme dich
in den flammen tanzen fröhliche geister
sie toben und ringen
funken trägt der wind durch die nacht
kleine lichtperlen, die zischeln und knistern
leben ist darin und licht
geschichten, die atem geben
erzählstrom
und auch, wie in einer knospe
das junge grün

Eine Nacht!

•10. November 2009 • 4 Kommentare

In den Gärten am Meer wurde es Nacht. Der volle Mond streifte mit seinem gedämpften Licht über die Beete, den letzten Kohl, berührte zärtlich und sanft die verbliebenen Hagebutten und fing sich für einen Augenblick in der Mähne aus Stroh einer Vogelscheuche. Die erwachte bei der Berührung  aus ihrem Puppenschlaf  und, tanzte zur stummen Melodie, die in ihr sang, einen Fruchtbarkeitstanz.
Im Haus hinter der Hecke löschte frau Rosendorn gerade das Nachtschicht, um eine Reise zu beginnen. Den Koffer hatte sie schon am Nachmittag gepackt. Er enthielt Fragen, Wünsche und Bitten. Wahrlich kein leichtes Gepäck.
Am Fenster leuchtete eine einzelne schlanke Kerze, um jenen, die aus der Anderswelt kamen heimzuleuchten. Ein magisches Schwirren lag in der Nacht, so, als sei die Energie aller Lebewesen, die sind und waren – und in den Menschen wirken – zum Leben erwacht, wie die Vogelscheuche vor dem Apfelbaum. Zwischen hier und da herrschte ein reges Kommen und Gehen; ein Fliegen, Schwirren und Schweben. Nachrichten wurden ausgetauscht und rätsel entschlüsselt.

Weise Weiber am Rande der Nacht legten Runen, um die Zukunft zu beschwören.
während Frau Rosendorn mit geschlossenen Augen in ihrem Bett lag, verließ ihre Seele den Körper, um den Trommeln zu folgen, die sie aus der Ferne zu sich riefen.
Die Reise begann.

Von der Stille

•10. November 2009 • Kommentar schreiben

Die Intensität von Stille hat manchmal etwas Fassbares, das man nicht mit Worten beschreiben kann. Es liegt darin eine essenzielle Dichte, die man als Emotion, Farbe oder Klang mit sich mit nimmt. Ich wünsche uns allen, nicht nur an diesem Sonntag, dass wir lernen, welche Wert für uns Menschen dieses Abtauchen in die Stille hat.
Selbst wenn wir äußerlich keinen stillen Platz finden und um uns herum Großstadtlärm und Gehetze ist, können wir, wenn wir sie einmal entdeckt haben – in den stillen Räume unserer inneren Landschaften regenerieren.

Gedacht 1

•10. November 2009 • 2 Kommentare

Manchmal liegt die Inspiration wie eine duftende Wolke über dem Augenblick. Sie ist greif-und fassbar. Man spürt sie:
Wellen strahlt sie aus, die sich in den Kopf schlängeln und gebieterisch fordern, ihnen endlich eine Form zu geben.

novembertschätze

•9. November 2009 • 2 Kommentare

auf asphalt, vom regen nass, spiegelt sich silber
ein kurzes aufblitzen entzündet feuer im letzten laub
novemberlicht tanzt mit biegsamen birkenstämmen

bevor graue wolken riesen werden
und das bild verdecken

Des Abends blaue Flügel

•5. November 2009 • Kommentar schreiben

es schweben Gräser auf des Abends blauer Flügel
und flüstern leise dir Aufwiedersehen
Von Abschied spricht die blaue Stunde
und singt mit kühlen Winden
dem Herbst von rauverreiften Nächten